Freitag,
03. November 2006

Seit dem 18. Oktober gibt es ihn nun, den Internet Explorer 7 zum Download. Zunächst nur in englischer Sprache, wodurch hierzulande kaum jemand Notiz von Microsofts neuem Browser genommen hat. Doch das hat sich mit der am 1. November veröffentlichten deutschen Version geändert. Und Microsoft meint es Ernst: der IE7 wird auch als hochkritisches Windows-Update den Weg auf den heimischen XP-Rechner finden. Die Tage des IE6 sind also gezählt. Höchste Zeit, sich mit dem neuen Browser eingehend zu beschäftigen.

Neues auf der Anwenderseite

  • Die Benutzeroberfläche scheint sich bereits am neuem Windows-Vista-Look zu orientieren und ist mit Sicherheit gewöhnungsbedürftig. Sie zeichnet sich aber durch eine einfachere Zugänglichkeit wichtiger Funktionen (Zoom, Druckvorschau, Popup-Blocker usw.) aus, die mit wenigen Klicks erreichbar sind.
  • Mit ›Tabbed Browsing‹ führt Microsoft eine Funktion ein, die in der Mozilla-Familie, in Safari und beim Opera schon seit vielen Jahren bekannt und beliebt ist. Mit ihr werden mehrere Webseiten als Karteireiter innerhalb eines Fensters verwaltet, die Überfüllung der Windows-Taskbar wird so verhindert.
  • Mit RSS-Feeds (RSS = Really Simple Syndication) hat sich ein XML-Standard etabliert, der eine Nachrichtenabfrage von Webseiten ermöglicht. Solche Feeds können abonniert und automatisiert abgerufen werden. So kann der Nutzer in einfacher und unkomplizierter Weise auf Informationen vieler verschiedener Seiten zugreifen. Ein einfacher Feed-Reader ist – vergleichbar zu andern Browsern – nun im IE7 bereits integriert.
  • Durch einen integrierten Phishing-Filter soll die Sicherheit vor Betrügern erhöht werden. Mittels Pishing werden Nutzer auf betrügerischen Webseiten zur Herausgabe von Passwörtern oder Zugangsdaten animiert. Der Firefox bietet übrigens seit Version 2.0 eine ähnliche Funktion an.
  • Eine neue komfortable Druckvorschau vereinfacht das Drucken von Webseiten. Layouts werden automatisch auf Seitenbreite skaliert, Seitenränder lassen sich schnell und unkompliziert anpassen, Kopf- und Fußzeilen können auf Wunsch ausgeblendet werden.
  • Ebenso wie der Firefox lässt sich der Internet Explorer 7 durch Add-Ons im Funktionsumfang erweitern.
  • Die Darstellungsqualität von Webseiten, bzw. die Lesbarkeit von Texten, wird durch das standardmäßig aktivierte Kantenglättungsverfahren ClearType verbessert.
  • Statt des bisher üblichen Text-Zooms, bei dem lediglich die Schriftgröße von Texten vergrößert wird, bietet der IE7 einen so genannten Seiten-Zoom. Dabei werden neben der Schriftgröße auch alle anderen Element der Webseite (Grafiken, Abstände, Spaltenbreiten) skaliert. Ein ähnliches Verfahren ist bereits vom Opera-Browser bekannt.

Der praktische Umgang mit dem neuen Browser geht – nach kurzer Eingewöhnungsphase – gut von der Hand. Auf der Anwenderseite ist der Browser damit endlich auf der Höhe der Zeit und bietet zu Firefox, Safari, Opera & Co. einen vergleichbaren Funktionsumfang und Komfort. Durch den integrierten Phishing-Filter steigt zudem das Sicherheitsniveau. Der erste Eindruck ist daher durchaus positiv, obwohl nicht alle Details optimal gelöst sind.

Seitenzoom - Ärger vorprogrammiert

Eine der gravierendsten, jedoch bisher am wenigsten bekannten Änderungen ist das neue Zoom-Verhalten. Dabei betrachtet der Browser das Ergebnis des Rendering-Prozesses wie ein beschriebenes Blatt Papier, das anschließend als Ganzes vergrößert oder verkleinert werden kann. Dabei werden nicht mehr nur Schriftgrößen skaliert, sondern das gesamte Layout – einschließlich aller Abstände, Größenangaben, Bildern und Grafiken. Dieses Zoom-Verhalten ist Opera-Nutzern seit der Verion 8 vertraut; allerdings berücksichtigt der Opera dabei sowohl flexible Layoutbreiten als auch eine Zentrierung des Layouts – der IE7 tut dies nicht.

Was auf den ersten Blick vorteilhaft und sinnvoll erscheint, erweist sich in der Umsetzung bei näherer Betrachtung als Zeitbombe. Durch das neue Zoom-Verhalten wird im IE7 ab sofort jedes Layout skalierbar, egal ob es als fixes oder flexibles Layout entworfen wurde. Da die Mehrzahl der Layouts im Internet auf fixe Breiten optimiert ist, ergibt sich hieraus theoretisch ein Zugewinn an Zugänglichkeit. Praktisch führt dieses Verhalten jedoch zu massiven Problemen. Beispielsweise funktionieren flexible Layouts nur noch eingeschränkt, da die eigentlich flexible Breitenvorgabe nur beim initialen Rendering beachtet wird. Skaliert wird anschließend, als ob es sich um ein fixes Layout handeln würde. Es wird also einfach alles größer, was bei 100% breiten Layouts umgehend zu horizontalen Scrollbalken führt. Auch die Zentrierung eines Layouts wird durch den Seiten-Zoom zerstört: Die seitlichen Außenabstände werden unsinnigerweise mitskaliert. Sollte sich dieses Zoom-Verhalten durchsetzen, stellt dies den Sinn flexibler Layouts generell in Frage.

Änderungen in der Rendering-Engine

Für Webentwickler war der Internet Explorer 6 aufgrund seiner zahlreichen CSS-Bugs und der für die heutigen Verhältnisse mäßigen Unterstützung des CSS2-Standards eine nie versiegende Quelle für Darstellungsprobleme und Frust. Daher werden auch die Änderungen im Bereich des Renderingverhaltens über Erfolg oder Misserfolg des IE7 entscheiden.

In bisher beispielloser Offenheit hat Microsoft Webentwicker im Verlauf der letzten zwölf Monate am Reifeprozess des Internet Explorer 7 teilnehmen lassen. Über insgesamt drei Beta-Phasen und einen Release-Candidate konnten Sie die Fortschritte des Browsers im Bereich des Renderings zeitnah mitverfolgen und durch Umfragen mitbestimmen. Der Schwerpunkt der ersten neuen IE-Version nach nunmehr fünf Jahren lag dabei weniger auf der Erweiterung der CSS2-Unterstützung, sondern vielmehr auf der Beseitigung der zahlreichen Bugs.

Weniger CSS- und Parser-Bugs

Die Liste der CSS-Änderungen im IE-Blog ist erfreulicherweise lang, denn durch die zahlreichen Fehlerkorrekturen wird die Layoutentwicklung spürbar einfacher. Ich beschränke mich im Rahmen dieses Artikels auf eine Zusammenfassung der wichtigsten Änderungen.

  • Ausgangsbasis für die Beseitigung der CSS-Bugs war offensichtlich die hervorragende Bug-Dokumentation auf positioniseverything.net. Fast alle auf der Seite aufgeführten CSS-Bugs des Internet Explorer 5.x und 6 wurden behoben. Hervorzuheben sind dabei in erster Linie der Peekabo- und der Guillotine-Bug, mit denen sicherlich fast jeder Homepagebastler schon einmal Bekanntschaft gemacht hat (springende und/oder teilweise verschwindende Inhalte bei Hover-Effekten von Hyperlinks). Das so genannte Expanding-Box-Problem des IE 5.x und 6.0 (das automatische Einschließen von Elementen innerhalb einer Box) bereitete insbesondere in der Layoutentwicklung Kopfzerbrechen.
    Etwas unverständlich ist, warum der letzte verbliebene Bug auf der Liste, der Escaping-Floats-Bug nicht ebenfalls behoben wurde. Nach fünf Jahren Entwicklungspause hätte ich mir von Microsoft mehr Ehrgeiz und Konsequenz gewünscht. Hinzu kommt: Die Liste auf positioniseverything.net enthält nicht alle CSS-Bugs der älteren Browserversionen, sondern lediglich die bekanntesten Exemplare. Der IE7 ist daher – trotz der zahlreichen Bugfixes – nicht gänzlich fehlerfrei. Ich habe den Entwicklungsprozess durch meine Arbeit an YAML kontinuierlich verfolgt und eine kleine Sammlung an CSS-Bugs zusammengestellt, die nicht beseitigt bzw. neu hinzu gekommen sind.
  • Neben den zahlreichen CSS-Bugs wurde auch der überwiegende Teil der Parser-Bugs behoben. Parser-Bugs sind Fehler beim »lesen« von CSS. Sie ermöglichen bei gezielter Ausnutzung (so genannte Parser-Hacks) das Verstecken von einzelnen CSS-Definitionen vor dem Internet Explorer. Alternativ kann man damit nur für den IE lesbare Anweisungen formulieren. Parser-Hacks waren daher in der Vergangenheit ein beliebtes Mittel zur Korrektur von CSS-Bugs.
    Webseiten, die massiv auf solche Parser-Hacks bauen, werden jedoch unter Umständen vermehrt mit Darstellungsfehlern im IE7 zu kämpfen haben. Kritisch sind insbesondere Situationen, in denen der zu fixende CSS-Bug noch aktiv ist, der Parser-Hack samt Bugfix jedoch nicht mehr funktioniert. Der beste und auch von Microsoft empfohlene Weg, um den Internet Explorer mit speziellen Stil-Anweisungen zu versorgen, sind daher Conditional Comments.

In der Summe verhält sich der Internet Explorer 7 damit deutlich standardkonformer als sein Vorgänger. Durch die zahlreich behobenen Bugs können CSS-Layouts im IE7 in der Regel ohne nennenswerten Anpassungsaufwand gegenüber anderen Browsern erstellt werden. Schwierger sieht die Lage bei der Browserunterstützung aus. Da der IE7 ausschließlich für Windows XP mit installiertem Servicepack 2 und für das kommende Windows Vista zur Verfügung steht, wird er den Internet Explorer 6 nicht gänzlich von der Bühne verdrängen können. Nutzer älterer Windows-Versionen oder Windows XP ohne installiertes Servicepack 2 schauen in die Röhre. Für Webdesigner wird es damit nicht gerade einfacher, denn sie müssen somit auch noch eine dritte Browsergeneration (5.x, 6.0 und 7.0) unterstützen.

Erweiterung der CSS-Unterstützung

Wie bereits angesprochen, lag der Schwerpunkt der Arbeiten nicht auf einer Erweiterung der CSS-Fähigkeiten des Browsers. Es ist daher wenig verwunderlich, dass sich in diesem Bereich relativ wenig getan hat. Dennoch gibt es einige interessante und wichtige Neuerungen zu vermelden.

  • Die Pseudoklasse :hover kann nun mit allen HTML-Elementen verwendet werden und ist nicht mehr auf Hyperlinks (<a>) beschränkt.
  • Ab sofort werden die CSS-Eigenschaften min-width, max-width sowie min-height und max-height unterstützt.
  • Die CSS-Eigenschaft position:fixed wird unterstützt.
  • Die Übergabe mehrerer CSS-Klassen in der Form class=“klasse1 klasse2” funktioniert jetzt fehlerfrei.
  • Der IE7 bringt endlich die vollständige Unterstützung von PNG-Grafiken einschließlich der Alpha-Transparenz mit, wodurch sich für den Webdesigner zahlreiche neue Möglichkeiten der Layoutgestaltung ergeben.

Eric Eggert hat bin seinem Weblog bereits vor einigen Wochen die aus seiner Sicht zehn wichtigsten Neuerungen des IE7 zusammengefasst. In Sachen CSS2-Unterstützung ist der Sprung nach vorn nicht so groß wie bei der Nutzerfreundlichkeit.

Als Webdesigner habe ich daher gemischte Gefühle. Einerseits freue ich mich über die beseitigten CSS-Bugs, andererseits hätte die Liste durchaus vollständiger ausfallen können. In erster Linie wurden bekannte und gut dokumentierte Bugs beseitigt, eine vollständige Überarbeitung der Rendering-Engine (bei der man sicherlich zahlreichen, weiteren Bugs auf die Schliche gekommen wäre) gab es hingegen nicht.

Wenig erfreulich ist auch die geringe Erweiterung der CSS2-Fähigkeiten. Die Unterstützung von minimalen und maximalen Breiten oder die Implementierung der fixen Positionierung sind erfreulich, aber auch längst überfällig und zugleich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Methoden der Layoutentwicklung haben sich seit 2001 signifikant weiterentwickelt (Stichwort: easyclear). Die fehlende Unterstützung erweiterter CSS2-Selektoren (z.B. Pseudoklassen :after und :before) ist daher umso bedauerlicher, zwingt sie Webentwickler doch auch weiterhin zu speziellen Anpassungen für den Internet Explorer und schränkt die Einsatzmöglichkeiten dieser interessanten Gestaltungselemente von CSS2 auch weiterhin ein.

Der Internet Explorer 7 ist in Sachen CSS daher eher ein IE6 mit weniger Bugs. Für die Zukunft hat Microsoft jedoch Besserung gelobt: In jährlichen Updates soll der Browser weiterentwickelt werden, Nachdem der Schwerpunkt der aktuellen Version auf einer verbesserten Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit lag, soll in zukünftigen Versionen die auch CSS-Unterstützung erweitert werden.

Fazit

Der neue Browser ist da und er darf nicht ignoriert werden. Über die automatische Verbreitung per Windows-Update wird er sich vermutlich bereits binnen weniger Monate als neuen Marktführer etablieren. Höchste Zeit also, sich mit ihm vertraut zu machen.

In Bezug auf die Unterstützung von Standards ist es auf alle Fälle ein Schritt nach vorn. Ob Microsoft mit dem IE7 der große Wurf gelungen ist, bleibt jedoch abzuwarten. Die Entwicklung geht auf jeden Fall in die richtige Richtung, daher fällt mein Fazit für den Moment positiv aus. Der neue Browser muss sich aber erst seine Sporen verdienen und Stabilität beweisen. Ob die Anzahl der CSS-Bugs wirklich zurückgegangen ist oder neue Bugs auftauchen, wird erst die Praxis zeigen.

Quellen:

  1. Microsoft: Internet Explorer 7 Startseite
  2. Alp Uçkan: Was ist RSS?
  3. Wikipedia: ClearType
  4. IEBlog: Details on our CSS changes for IE7
  5. Holly 'n' John: Explorer Exposed! The weird and wonderful world of Internet Explorer
  6. Dirk Jesse: Yet Another Multicolumn Layout | Ein (X)HTML/CSS Framework
  7. Dirk Jesse: Testseite für CSS-Bugs des IE7
  8. Eric Eggert: Die 10 wichtigsten IE7-Neuerungen
  9. Onno K. Gent: Einschließen von Floats ohne zusätzliches Markup

 

Informationen

Der Beitrag wurde erstmals am 3. November 2006 bei den Webkrauts veröffentlicht (Direktlink).


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