Montag,
20. Juli 2009

Frank Bültge, einer der bekanntesten Köpfe der deutschen Wordpress-Szene äußerte am Samstag in seinem Blogbeitrag "Unzufrieden als digitaler Freizeitkämpfer" seinen Umut über das geringe Feedback auf seine vielen GPL-Veröffentlichungen der letzten Jahre. Frank bezieht sich dabei einerseits auf die extrem geringe Spendenbereitschaft im deutschsprachigen Raum, aber auch auf sehr spartanisches oder gar ausbleibendes Nutzerfeedback, speziell aus dem Bereich der Businessanwender. Frank Bültge spricht damit ein Thema an, welches mir seit vielen Jahren nur zu gut vertraut ist – die Wertschätzung von Open Source in Deutschland.

Die Diskussion in den Kommentaren ließ nicht lange auf sich warten und ist ausgeprochen fasettenreich. Bemerkenswert und und leider kein Einzelfall sind Kommentare mit folgendem Tenor:

Wenn es kostenlos ist, ist es kostenlos! Ich zahle gern für gute Software und gute Plugins, auch gern mal etwas mehr. Aber irgendwie versteh ich Eure Sicht trotzdem nicht, denn im Grunde liest es sich ja schon so raus das ihr gönnerhaft GPL Plugins schreibt, dann aber trotzdem hofft eine Spende zu bekommen, letztlich ist GPL dann sinnfrei weil ihr für Eure Leistung einen finanziellen Gegenwert erhaltet, auch wenn der sicherlich nicht im Verhältnis zu Euer Arbeit steht.

Kommentar Nr. 48

Die GPL ist aus Anwendersicht eine tolle Sache, den diese Lizenz gibt dem Anwender sehr viele Freiheiten und die notwendige Rechtssicherheit, aber keine Arbeit – und schon gar nicht qualitativ hochwertige Arbeit – ist umsonst. Der Autor dieses Kommentars sieht das jedoch ganz anders.

Seit vielen Jahren existieren zahlreiche schillernde Perlen am Open-Source-Himmel, die da lauten: Mozilla Firefox & Thunderbird, Wordpress, MySQL, OpenOffice, Joomla, Ubuntu, jQuery, Eclipse u.v.a.m. All diese Dinge gibt es quasi gratis für den Anwender. Dieser Umstand lässt schnell vergessen, dass hinter diesen erfolgreichen Großprojekten finanzkräftige Firmen, Organisationen oder Sponsoren stecken, die solche langfristig angelegten Projekte mit einer Vielzahl exzellenter Entwickler überhaupt ermöglichen und die vom Nutzer letztlich als qualitativ hochwertige Produkte wahrgenommen werden. Doch die GPL vereint nicht nur Großprojekte. Eine riesige Menge an Erweiterungen für diese Projekte aber auch viele kleinere, eigenständige Entwicklungen werden unter GPL lizensiert, wobei hier viel öfter kleinere Entwicklerteams oder Einzelentwickler wie Frank Bültge stehen. Und für diese Entwicklungen gilt das oben gesagte leider nicht. Zwei, drei Schritte von den Top-100 der Open-Source-Projekte entfernt ist es mit dem externen Geldregen in der Regel vorbei. Und hierbei spreche nicht vom reich werden, sondern vom notwendigen Lebensunterhalt. Die Mozilla-Entwickler leben genauso wenig von Luft und der ewigen Liebe der Nutzercommunity.

Doch genau dieser Teil von Open Source scheint vielfach ignoriert oder nicht verstanden zu werden. Anders kann ich mir solche Kommentare nicht erklären. Oder nehmen wir folgenden Kommentar:

... So wie Autoren das erste Buch fast verschenken, wird die zweite Auflage teuer an den Mann gebracht.

Kommentar Nr. 45

Das mag ein undurchdachter Spruch eines ahnunglosen Bloggers sein, aber dieser Satz dürfte wirklich jedem Fachbuchautor unter die Haut gehen, denn gegensätzlicher könnten die Mutmaßungen des Kommentarautors und der Realität kaum sein. Frank Bültge hat hierzu übrigens bereits Stellung genommen, klingt dabei aber aus meiner Sicht relativ resignierend.

Doch wo ist der Ausweg? Viele Kommentatoren empfehlen Frank, sich besser zu vermarkten, sein Wissen nicht – für lau – preiszugeben. Und die meisten versichern ganz selbstverständlich, für gute Software auch zu zahlen. Doch geht das überhaupt? Vorrausgesetzt man ist freiberuflich dieser Branche unterwegs, können Veröffentlichungen unter GPL-Lizenz, wie auch Bücher, die perfekte Eigen-PR sein. In diesem Fall entsteht die Entlohnung nämlich nicht direkt über Lizenzeinnahmen sondern indirekt und langfristig über den wachsenen Bekanntheitsgrad und die Reputation in der Community, wodurch man Aufträge aquirieren kann - von deren Entlohnung der Entwickler letztlich seine Miete und die Brötchen bezahlt.

Doch dieser indirekte Weg – und dabei gleichen sich die Umstände bei Frank Bültge und mir – ist bei so manchem Entwickler nur in Ausnahmefällen bzw. gar nicht möglich. Sowohl Frank Bültge als auch ich dürfen uns als so genannte "Freizeitkämpfer" bezeichnen. Wir haben andere, zeitintensive Berufe und tummeln uns mehr oder weniger in unser Freizeit in dieser Branche. Das machen viele, klar, aber nur wenige mit jahrelanger Ausdauer und in der Qualität, wie sie Frank Bültge vorlebt.

Ich selbst stand mit YAML vor knapp 4 Jahren genau vor dieser Entscheidung. Nach ersten Nutzungsanfragen aus dem professionellen Bereich musste eine Entscheidung hinsichtlich einer sinnvollen Lizenz getroffen werden. Ich habe all diese Probleme bereits damals gewälzt und mich mit YAML bewusst gegen die GPL entschieden. Und diese Entscheidung war in den vergangen Jahren immer wieder Grund zahlreicher verbaler Tiefschläge von Leuten, die meine Arbeit nur allzu gern unter GPL (und wohl somit ohne jegliche Gegenleistung) gesehen hätten, die ich hier nicht wieder auffrischen will. Und erstaunlicherweise kamen diese Stimmen vorwiegend aus dem Agenturumfeld.

Ich kann aus heutiger Sicht sagen, dass ich damals richtig entschieden habe und dies auch immer wieder tun würde. Der Weg war nicht gerade frei von Steinen aber letztlich erfolgreich. Ich sehe YAML als Open Source Projekt, denn der bei weitem überwiegende Teil der Downloads geht auf Nutzer, welche das Framework unter der Creative Commons Lizenz einsetzen. Und in diesem Bereich sind durchaus Parallelen zu erkennen. Fachliches Feedback ist extrem selten und hätte ich nicht einige wenige treue Helfer, würde die Weiterentwicklung sehr viel schwieriger sein. Der Supportaufwand, gerade aus diesem Bereich heraus ist jedoch gewaltig. Und Support ist keineswegs ein optionales Gut. Er gehört dazu, ob man will oder nicht. Auch ich hatte über drei Jahre einen kleinen Paypal-Button auf meiner Seite, der in dieser Zeit gerade einmal 35 EUR eingebracht hat. Seit August letzten Jahres ist er deshalb einer Amazon-Wunschliste gewichen - welche sehr viel mehr Akzeptanz bei den Nutzern hat. An dieser Stelle möchte ich mich deshalb bei allen bedanken, die mir über die Wunschliste bereits Freude bereitet haben. Ich versuche auch stets, soweit es die beiliegende Amazon-Rechnung ermöglicht, mich bei den jeweiligen Absendern persönlich zu bedanken. Leider klappt das nicht immer. Deshalb an dieser Stelle stellvertretend mein nochmaliger Dank an alle Spender.

Ich kann und möchte aber nicht sagen, dass Frank mit seiner Entscheidung pro GPL etwas falsch gemacht hätte. Vielmehr gibt es offensichtlich zahlreiche Leute da draußen, die bis heute das Konzept "Open Source" nicht verstanden haben. Open Source war nie als Einbahnstraße gedacht und kann auch so nicht funktionieren und es täte mir leid wenn Leute wie Frank, denen im konkreten Fall die Wordpress-Community viel zu verdanken hat, sich resigniert vom Open Source Gedanken abwenden.


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