Freitag,
21. November 2008

Es war einmal vor langer Zeit in einem kleinen idyllischen Örtchen Kleve nahe der deutsch/holländischen Grenze. Dort lebte Herr K., pflegte liebevoll sein Weblog und beschäftigte sich mit Webdesign. Eines schönen Tages im Herbst 2007 ging Herr K. plötzlich ein genialer Gedanke nicht mehr aus dem Kopf: “Wie schön könnte die Welt doch sein, wenn man der eigenen Arbeit im Bereich Webdesign eine robuste, wiederverwendbare Basis (neudeusch: CSS Framework) zu Grunde legen könnte”. Und so zog Herr K. aus in die Welt des Internets, um Ausschau nach einem geeigneten Projekt zu halten. Auf seiner Suche durch den düstren Frameworkswald begegnete er einem drolligen Ding namens YAML. Und wer hätte es gedacht - es gefiel ihm. Es gefiel ihm sogar so gut, dass er sich gar nicht mehr davon trennen mochte.

Doch wie einst Saurons “einer Ring” den Verstand von Gollum vergiftete, so hatte auch dieses YAML-Ding scheinbar eine vergleichbare magische Anziehungskraft auf Herrn K. und wenn man ganz leise war, konnte man bereits das Flüstern hören: “Mein Schatzzzzzzzzz ...”. Unaufhaltsam getrieben von einer inneren Stimme begann Herr K. die Urheberrechtsangaben in den YAML-Dateien umzuschreiben. Erst ersetzte er nur den Namen des Autors, später folgte die Projekt-URL – doch die Stimme wollte mehr und flüsterte ihm immer wieder vier Buchstaben zu. Und so ersetzte er auch noch den Schriftzug YAML durch “wxyz” (Anmerkung des Erzählers: Name zufällig entfallen). Und zum ersten Mal nach langer Zeit – so spürte Herr K. – fühlte sich dieses ehemals-YAML-jetzt-WXYZ-Ding gut an. Er hatte etwas Eigenes geschaffen – dachte er.

Doch die Stimme gab keine Ruhe – sie hatte weit Größeres mit ihm vor. Und so begab es sich, dass Herr K. zu digitaler Feder und Tinte griff, um über ein ganz besonderes Template zu bloggen, an welchem er gerade arbeite und welches er bald der Welt präsentieren werde. Ein gar wundersames Ding sei das, welches Einsteigern die Welt der robusten, flexiblen CSS-Layouts näher bringen könne. Doch noch war viel zu tun.

Die kalten, dunklen Winterabende verstrichen – wir schreiben mittlerweile das Jahr 2008 – und es wurde Frühling in Deutschland. Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen um den 30. Tag des Monat März fühlte sich Herr K. bereit, der Welt die Früchte seines Schaffens zu präsentieren. Volle drei Monate – so schreibt er stolz in seinem Blog – habe ihn die Entwicklung gekostet, zuzüglich einer einmonatigen Beta-Phase, in welcher Herr K. die sagenhafte Zahl von 138 Bugs aus dem Projekt entfernte und es letztlich zur Reife führte (Anmerkung des Erzählers: Woher diese Bugs gekommen sein mögen, ist leider nicht überliefert). In den frostigen Nächten des Winters 2007 hatte Herr K. seine Copy-Paste-Delete-Technik weiter verfeinert und das Ex-YAML-Ding weiter nach seinen Vorstellungen umgeformt. So sezierte er das Projekt und entfernte jeden noch so kleinen Hinweis auf die ehemals vorhandenen englischsprachigen Kommentare in den diversen CSS-Dateien. Nur deutsche Kommentare durften erhalten bleiben. HTML & CSS-Code, Dateinamen etc. ... blieben hingegen jungfräulich unberührt, um den strahlenden Glanz des Ringes ... ähm des Projektes ... nicht verblassen zu lassen oder aus Unwissenheit gar etwas kaputt zu machen. Mit beispiellosem Heldenmut traf K. dann aber zumindest doch noch eine eigenständige Entscheidung: Er ersetzte die ID-Bezeichnung “col” durch “column” – projektweit versteht sich, denn wahre Helden ziehen sowas durch. Damit war das unschaffbar geglaubte Ziel erreicht. “wxyz” strahlte die selbe technische Brillianz und Reife aus – wie es das YAML-Ding tut – doch in den Augen von Herrn K. ist es seins, sein Eigen, ... sein Schatzzzzzz ... und Erfinder K. fühlte eine zuvor ungekannte Zufriedenheit eines ganz großen Entwicklers.

Und so hatte die innere Stimme auch diesmal leichtes Spiel, als sie ihn dazu überredete, auch den letzten konsequenten Schritt zu gehen. Denn was innen wie YAML aussieht, muss natürlich auch nach außen wie YAML glänzen. Meister K. mag keine Wühltischromantik, er mag Qualität. Und so ist es nur konsequent, dass er das Screenlayout von YAML.de vollständig auf seine Webseite übernimmt, um damit sein “wxyz” Framework in einem würdigen Rahmen präsentieren zu können. Und natürlich übernahm er auch vollständig und wortwörtlich die beiden Lizenzmodelle (Creative Commons und das kommerzielle Lizenzmodell) sowie die zugehörigen Informationstexte von YAML. Einen rebellischen Hauch von Individualität gönnte er sich, indem er in seinem kommerziellen Lizenzmodell auf eine “generelle Lizenz” verzichtete und dafür Preisangabe für eine Projektlizenz auf 25,00 EUR halbierte – vielleicht verkauft es sich ja so besser. Jetzt endlich wurde die Stimme spürbar leiser und nachdem Herr K. auch noch einen Account bei Google Code einrichtete und dort die Veröffentlichung des Framework-Code unter der GPL-Lizenz ankündigt hatte, verstummte die Stimme endgültig. Die große Tat war vollbracht.

Noch heute erzählen die Leute in Kleve beim Abendessen von den unglaublichen Heldentaten des Herrn K. Und wenn er nicht gestorben ist, lebt er noch immer als glücklicher und zufriedener Framework-Entwickler in dem kleinen Örtchen nahe der deutsch/holländischen Grenze.

Kommentar des Erzählers

Märchen sind etwas Wunderbares und mit Sicherheit werde ich meinem 9 Monate alten Töchterchen auch bald die ersten Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. Doch diese Geschichte wird nicht dabei sein, denn wir leben nicht im Glücksbärchiland und am Happy-End melde ich berechtigte Zweifel an. Als ich vor knapp vier Wochen durch eine Email erstmals auf die Webseite von Herrn K. und seine Aktivitäten aufmerksam wurde, blieb mir minutenlang der Mund offen stehen. Dass jemand hier in Deutschland eine derartige Dreistigkeit an den Tag legen würde, konnte ich mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen. Da klaut jemand meine Arbeit, schreibt seinen Namen drüber, feiert sich als grandioser Entwicker und sinniert in seinem Blog über mögliche Verbesserungen in zukünftigen Versionen. Und als wäre das noch nicht genug, übernimmt er sogar 1:1 meine Lizenzmodelle und bietet meine Arbeit unter seinem Namen interessierten Nutzern zum halben Preis zum Kauf an.

Mehrfach habe ich versucht, mit Herrn K. persönlich in Kontakt zu treten. Mehr als eine automatische Bandansage des Anrufbeantworters habe ich jedoch nie zu hören bekommen. Am vergangenen Wochenende ist dann ein anwaltliches Schreiben bei Herrn K. eingegangen, welches Herrn K. sanft mit der realen Welt konfrontierte und ihn mittlerweile dazu bewogen hat, das Projekt – wie er es formuliert – “auf vorerst unbestimmte Zeit vollständig” einzustellen. Für die wünschenswerte Selbsterkenntnis, dass er, Herr K, eben nicht der Framework-Entwickler ist, hat es indes offenbar nicht gereicht. Denn Herr K. spricht in seinem Blog weiter davon, dass die aktuelle und zukünftige Versionen von ihmnicht weiter entwickel und betreubar” [Rechtschreibfehler im Originalzustand belassen] seien. Kein Wort über den offensichtlich aufgeflogenen Projektklau oder gar ein Einsehen. Und so schafft es Herr K. auch nach langer und intensiver Beschäftigung mit YAML nicht, in dem eingeforderten Link auf das YAML-Framework meinen Namen korrekt zu schreiben. Vermutlich war der aber in seinem Projekt auch nicht mehr auffindbar, denn Löschen und Ersetzen von Texten kann Herr K. perfekt. Nur mit dem Merken, das muss noch besser werden.

Da ich weder ein gesteigertes Interesse verspüre, Herrn K. mehr öffentliche Aufmerksamkeit als zwingend nötig zukommen zu lassen, noch dass ich meinen Lesern die katastrophale Rechtschreibung auf den Seiten des Herrn K. zumuten möchte, verzichte ich hier auf jegliche Verlinkung und bitte die geneigte Leserschaft, dies auch in eventuellen Kommentaren hier im Blog zu respektieren.


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